| zurück | |
|
Nach einer Nacht voller merkwürdiger und beklemmender Träume, von denen beim mühsamen, durch den Wecker erzwungenen Aufstehen schon nicht mehr übrig war als ein Gefühl von Zerschlagensein, stiefelte Dagolf Sennwang durch die schneidendkalte Dunkelheit zur Burg hinauf. Hinter ihm leuchtete, wie der liebevoll gestalteten Landschaft einer Modelleisenbahnanlage entnommen, der Ort herauf, und in einigen Büros brannte schon Licht. Der Empfang lag noch verwaist, und auf seinem Flur schien er der erste zu sein, was nicht ungewöhnlich war, denn er wohnte nun einmal mit am nächsten. Umstandslos machte sich Dagolf an die Arbeit. Es waren noch etliche Fehler zu beseitigen, und mit der Dokumentation der runderneuerten Programme hatte er auch schon begonnen. Rudis gutgelaunter Morgengruß etwa eine halbe Stunde später unterbrach seine Arbeit. Nach einem kurzen Plausch machten beide sozusagen in Stillarbeit weiter. Gegen zehn Uhr hörten sie in der Ferne eine Polizeisirene, die rasch aus dem Tal herauf kam und dann ganz in der Nähe in Schweigen verfiel. Dagolf und Rudi sahen sich für einen Moment fragend an, ließen sich aber im übrigen nicht weiter stören. Kurz darauf hörte man Stimmen auf dem Flur, wenig später steckte Fath den Kopf ins Zimmer. „Interessiert euch beide eigentlich nicht, was da draußen vor sich geht?“ Er deutete zu den Flurfenstern hinüber. „Am Waldrand stehen mehrere Polizeiautos und ein Krankenwagen.“ Fath ging wieder zu seinem Beobachtungsposten. Rudi Kallinowski folgte ihm. „Toller Auftrieb. Alle Polizeiautos der gesamten Umgebung scheinen sich hier versammelt zu haben“, kehrte er wenig später zurück. „Gehst du mit? Ich schau‘ mir die Sache mal von Nahem an.“ Und schon hatte er sich seine anthrazitfarbene Winterjacke übergezogen und wartete, sprungbereit, in der Tür. „Ach, nee, laß mal. Hab‘ schon öfters Polizei gesehen.“ Dagolf hatte keine große Lust, den warmen Arbeitsplatz mit einem Aufenthalt in bestimmt noch kalter Luft zu tauschen und sich wohlmöglich auch noch die Schuhe schmutzig zu machen. Trotzdem hatte er in der nächsten halben Stunde das Ohr auf dem Gang und verspürte eine gewisse Spannung, als er endlich Schritte und Stimmen sich nähern hörte. „Ein Toter!“ platzte Kallinowski ins Zimmer. „Mensch, stell dir vor, die haben im Wald einen Toten gefunden!“ Ungläubig blickte Dagolf Sennwang in das aufgeregte Gesicht seines Zimmerkollegen. „Wen denn?“ brachte er stotternd hervor. „Woher soll ich das wissen?“ Rudi zuckte ratlos mit den Schultern. Später am Tage wurden alle IfiP-Mitarbeiter von der Polizei befragt. Aber niemand hatte etwas Verdächtiges gehört oder gesehen. Über den Toten und die näheren Umstände seines Ablebens wurde nichts bekannt, nur soviel, daß er offenbar nicht aus der Gegend stammte.
[...]
Was verbarg sich nun wirklich hinter der abgeschlossenen Tür im Firmenmuseum? Nur eine harmlose Versorgungseinrichtung oder noch etwas anderes? Um das herauszufinden, blieb ihm keine andere Wahl: er mußte sich dort noch einmal umsehen. Dieser Besuch garantierte natürlich keinen Erfolg, denn es bestand wohl keine Aussicht, unbemerkt in den verschlossenen Teil zu gelangen. Aber vielleicht fand er ja irgendeinen verwertbaren Hinweis. Und wenn nicht? Dann bliebe seine These zwar unbewiesen, wäre aber noch lange nicht widerlegt. Er würde weitermachen, bis er den Beweis in den Händen hielt. Da das Museum leider nicht frei zugänglich war, benötigte man einen passenden Schlüssel – was Schwierigkeiten machen konnte. Denn es stand zu befürchten, daß eine offizielle Anfrage, zum Beispiel bei Fenchel, mit einem triftigen Grund garniert werden müßte. Überhaupt war jegliches Aufsehen zu vermeiden. Noch vor kurzem hätte er Rudi Kallinowski um einen Rat gebeten, aber spätestens seit Weimar war sein Vertrauen zu ihm nicht unbeträchtlich geschrumpft. Zwar hatte Rudi am vorgestrigen Grillabend wieder Boden gutmachen können – weshalb er ihm ja auch dann von dem alten Mann im Auto berichtet hatte –, aber in seine Überlegungen und Absichten wollte Dagolf ihn lieber nicht einweihen. Es mußte jemand sein, der ungehinderten Zugang zum Schlüssel besaß und ihn, ohne viel zu fragen, herausrückte. Jemand, der ihm ein spezielles Interesse für die Kunze-G und die anderen EDV-Antiquitäten arglos abnahm, jemand, der von den Zusammenhängen nichts wußte und deshalb den wirklichen Grund auch nicht erahnen konnte. Am Ende blieb nur noch Barbara Berger übrig. Tatsächlich zeigte sie sich in keiner Weise erstaunt, als er sie – Rudi war gerade nicht im Zimmer – anrief. Den Schlüssel für das Firmenmuseum? Aber gar kein Problem. „Schön, daß ich dir helfen kann, Dagolf“, freute sie sich. „Aber sei mir, bitte, nicht böse, wenn ich dich nicht begleite. Mein Terminplan ist im Moment dermaßen eng, weißt du! Ich hospitiere in der Geschäftsleitung, wahnsinnig interessant, aber auch ein bißchen anstrengend.“ Dagolf hätte jubeln mögen über Barbaras Unabkömmlichkeit, war doch so das Problem, wie er ohne Barbara in das Museum gelangen konnte, auf geradezu wunderbare Weise gelöst. Am liebsten hätte Dagolf sie dafür, und nicht nur dafür, geküßt. Die Tür zu dem kargen Stübchen, in dem Barbara Berger momentan untergebracht war, stand weit offen. Sie saß mit übereinander geschlagenen Beinen auf dem bis zur Wand zurückgeschobenen Bürostuhl und telefonierte. Als sie ihn bemerkte, wies sie mit der linken Hand in Richtung schwarzer Handtasche, die farblich perfekt zu ihrem damenhaften Kleid paßte – es war ärmellos und vorne hochgeschlossen, was ein nicht zu gewagtes Rückendekolleté mit sich überkreuzenden schmalen Bändern auszugleichen suchte –, und ließ sich im übrigen in ihrem fernmündlichen Gespräch nicht stören. Dagolf machte einen Ausfallschritt zum Schreibtisch hin und angelte sich das eine, hart an der Kante liegende Objekt seiner Begierde. Sein halblaut gesprochenes Dankeschön quittierte sie mit einem kameradschaftlichen Lächeln. Dabei wechselte sie die Positur und korrigierte mit festem Griff den heraufgerutschten Saum ihres Kleides.
[...]
Die meiste Sorge hatte ihm der Gedanke bereitet, wie er zu früher Morgenstunde das Haus möglichst unbemerkt verlassen könne. Auch wenn Damatists sehr diskrete Vermieter waren, die sich durch nichts weniger als distanzlose Neugier auszeichneten, wollte er niemandem Gelegenheit geben, sich über sein ungewöhnliches Verhalten Gedanken zu machen oder ihn gar darauf anzusprechen. Denn noch immer flammte für kurze Momente die Furcht in ihm auf, er sei lediglich einer fixen Idee aufgesessen und könne sich eigentlich nur lächerlich machen. Den Wecker hätte sich Dagolf gar nicht zu stellen brauchen, denn er hatte kaum Schlaf gefunden und war weit vor der Zeit endgültig wach gewesen. Nach kargem Frühstück hatte er sich auf Zehenspitzen und im Finstern nach unten geschlichen und mit äußerster Behutsamkeit die Haustüre aufgeschlossen. In geduckter Haltung, die er sofort wie selbstverständlich angenommen hatte, war er über den plattenbelegten Gartenweg gehuscht und dann, aus Angst vor dem kleinen Quietschgeräusch, über die niedrige Pforte gestiegen. Ganz dunkel war es schon nicht mehr gewesen, als er, weiterhin gebückt, den Markgrafenweg hinaufgeeilt war. Oben angekommen hatte er einen Augenblick inne gehalten, auch um Atem zu holen. Regungslos und abweisend die Burg, in tiefem Schlaf der Ort, und gegen den östlichen, aufdämmernden Himmel scharf und schwarz abgehoben Berge und Wälder. Nun stand er schon einige Zeit wenige Schritte von der getarnten Garageneinfahrt entfernt hinter einem Busch. Es war Tag geworden, und ringsherum hatten die Vögel ein vielstimmiges Konzert begonnen. Wenn heute nichts passieren sollte, hätte er wenigstens einen erwachenden Frühsommermorgen miterlebt. Er blickte erneut auf seine Uhr. Schon bald sechs. Eine halbe Stunde wollte er noch zuwarten, und dann. Ja, und dann? Noch einmal nach Hause zurückkehren, um prompt jemandem in die Arme zu laufen? Nein, dann lieber noch ein Viertelstündchen länger hier bleiben und danach sofort ins Büro gehen. Beim IfiP erweckten arbeitswütige Frühaufsteher keinerlei Argwohn – sie waren beinahe so häufig wie die Nachtarbeiter. Der Himmel über ihm zeigte sich blaßblau und makellos. Sein Versteck lag im Schatten der Burgmauer, es war ziemlich frisch, und seine Schuhe hatten aus dem Gras Feuchtigkeit gezogen. Dagolf fror in seinem Blouson und zog den Reißverschluß noch etwas höher. Dann vollführte er ein paar kreisende Armbewegungen und wagte einige schnelle Schritte vom Busch weg und wieder zurück. Unter das fröhliche Lärmen der Vögel schien sich, kaum vernehmbar und sehr entfernt, ein anderes Geräusch gemischt zu haben. Als dann das Gezwitschere plötzlich für einen Augenblick, aus welchem Grund auch immer, fast verstummte, bestand kein Zweifel mehr. Es handelte sich um Motorengeräusch, sehr gedämpft zwar, doch unüberhörbar näher kommend. |
|
| zurück |