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Die
große Anzeigetafel bleibt dabei: Der Flug nach Lissabon hat fast eine Stunde
Verspätung. Das bedeutet noch ein paar nutzlose Runden durch die Abflughalle
und die Ladenzeilen mit den teuren Geschäften. So kann es einem ergehen, wenn
man sicherheitshalber sehr zeitig zum Flughafen fährt, um möglichen Verzögerungen
vorzubauen: Schlangen vor dem Schalter zum Beispiel oder einem unerwarteten
Aufenthalt bei der Leibesvisitation. Alles nur, um nicht zu spät in die
portugiesische Niederlassung in der Nähe der Avenida da Liberdade zu kommen.
Und jetzt das! Ausgerechnet beim Einstandsbesuch! Welchen Eindruck das macht!
– Wenn es allerdings … ja, wenn es lediglich bei der einen Stunde Verspätung
bliebe, könnte es im günstigsten Fall doch noch gelingen, das Firmengebäude
rechtzeitig, sozusagen mit dem Gongschlag, zu betreten.
Beim Zeitungsladen einen Blick auf die Schlagzeilen der internationalen
Presse, vor der Absperrung, hinter die man nur mit Bordkarte gelangt, nach
links und wieder in den Gang mit den Geschäften. Zeit totzuschlagen ist
eigentlich auch ein Verbrechen … Die Uhren im Schaufenster des Juweliergeschäftes
– meine Güte, die verlangen ja vierstellige Beträge … Weiter zum
Fotoladen. Interessant, Digitalkameras scheinen langsam für den gemeinen
Knipser erschwinglich zu werden.
Einer kleinen Anzeigetafel ein paar Meter weiter ist zu entnehmen, daß
es bei der neuen Startzeit geblieben ist. Erleichterung.
Langsam zurück in die Abflughalle und dort im Wartebereich einen Platz
suchen. Kein Problem, es ist noch genügend frei. Für eine intensivere Beschäftigung
mit dem Reiseführer über Lissabon fehlt die innere Ruhe. Es bleibt bei einem
flüchtigen Betrachten der Bilder, dann verschwindet das Buch wieder im
Seitenfach der Reisetasche. Zu beobachten, was ringsherum passiert, ist
eigentlich auch viel interessanter. In unregelmäßigen Abständen ziehen Leute aus allen Herrenländern vorüber, manche mit hochbeladenen Gepäckwagen, andere nur mit einer Tasche und flinken Schrittes. Dort hinten schiebt ein athletisch wirkender Mann in dunklem Anzug einen Rollstuhl. Ein Greis sitzt darin, eine Decke auf den Knien. Begleitet wird er von einer deutlich jüngeren Frau, die eine Sonnenbrille und ein enges schwarzes Kostüm trägt. Blondes Haar tritt unter ihrem breitkrempigen schwarzen Hut hervor. Wohl ein alter Mann mit seiner Tochter. Die sehen nach Geld aus. Bleiben jetzt stehen und besprechen sich. Lebhaft zeigt die Frau mehrfach herüber, und nach einem kurzen Wortwechsel bewegen sich die drei auf den Wartebereich zu. In derselben Reihe, nur durch den Gang getrennt, finden sie eine Sitzgelegenheit. Der männliche Begleiter – wahrscheinlich der Ehemann der blonden Frau – stellt den Rollstuhl davor ab und setzt sich genau gegenüber. Die Frau beugt sich zu ihrem Vater hinab, sagt etwas zu ihm, tätschelt ihm die Wange, was ihn dankbar lächeln läßt. Dann nimmt sie neben dem Ehemann Platz. Bald darauf beginnt sie, in ihrer großen schwarzen Handtasche zu kramen. Schließlich holt sie ein Mobiltelefon hervor. Die Art und Weise, wie die Frau mit dem Gerät umgeht, wirkt wie eine Initialzündung, ruft schlagartig Erinnerungen wach. Ein vages Gefühl stellt sich ein, flüstert: Du weißt, wer dort sitzt. Noch ein verstohlener Blick hinüber, dann wird es fast zur Gewißheit: Ja – und kaum länger als ein Jahr ist es her …
1. Die Autobahn führte jetzt wie eine schiefe Ebene stetig abwärts. Den mächtigen
Alpenkamm, der Nord und Süd sorgsam schied, hatte er in zwei langen Tunnelröhren
unterquert. Hier hingen die Wolken nicht mehr so tief über der imposanten
Gebirgsszenerie, die vor dem Hintergrund einer in farbschluckendem Dunst west-östlich
verlaufenden Kette noch höherer Gipfel immerzu wechselte. Ein blauer Himmel wölbte
sich nicht über Dagolf Sennwang, und im Schatten der Berge war es dämmrig
und kalt. Daß sich das Wetter während der Anreise eher durchwachsen gezeigt,
ihn bei Salzburg sogar ein ordentlicher Schauer in Empfang genommen und ein
gutes Stück begleitet hatte, war ihm ganz recht gewesen. Aber hier unten
hatte er etwas anderes erwartet als eine hohe, fadenscheinige Bewölkung, die
zwar in nichts regenverheißend, aber alles andere als heiter wirkte. Eine
beeindruckende Strecke jetzt: schartige Bergflanken, davor und dazwischen grüne
Kuppen, kleine Weiler tief unten, dann wieder fast auf gleicher Höhe Wege,
die sich hell über gewellte Wiesen von Gehöft zu Gehöft schlängelten, um
bald darauf hinter einer Erhebung zu verschwinden und erst im Tal erneut
aufzuscheinen. Manchmal schien das Asphaltband direkt auf einen Berg
zuzulaufen, aber dann öffnete sich nach einer leichten Kurve doch noch ein
Durchschlupf und gab den Blick wieder nach Süden frei. Den Tip hatte ihm Kurt Sauer gegeben. Er kenne eine nette Pension am
Allacher See, da sei er noch letztes Jahr mit seiner Frau gewesen. Ein
Bombenwetter, und Kärnten sei sowieso fast schon wie Italien. Ein viel beständigeres
Klima als in den nördlicheren Bergregionen. Daher auch die herrlich warmen
Seen, die bis in den Herbst zum Schwimmen einluden. „Äußerst
empfehlenswert. Und Allach ist ein wirklich hübscher Flecken. Wenn mein Sohn
erst einmal aus dem Babyalter heraus ist, werden wir auf jeden Fall wieder
dort hinfahren. Ich rufe gleich zu Hause an, meine Frau soll die Telefonnummer
der Vermieterin heraussuchen. Hoffentlich haben Sie Glück, und es ist noch
etwas frei.“ Dagolf Sennwang hatte Glück gehabt – trotz dem späten Anmeldedatum,
es war bereits Mai gewesen, und obwohl der August noch als starker Ferienmonat
galt. Es habe eine Stornierung gegeben, hatte ihm Frau Gugenbauer mitgeteilt,
allerdings nur für ein Doppelzimmer. Ohne groß nachzudenken, hatte Dagolf
zugeschlagen. „Ihnen wird’s bestimmt guat bei uns g’fallen.“ Eine
angenehme Frauenstimme, die ihm in gemäßigtem alpenländischem Tonfall recht
ausführlich die Vorzüge des Allacher Urlaubsgebietes schilderte. „Und
wandern können S’ bei uns auch wunderbar. Gleich hinterm Haus in die
Nockberge oder mit dem Auto in die Hohen Tauern oder die Karawanken. Na, Sie
werden’s schon sehen. Grüßen S’ den Herrn Sauer recht herzlich von mir.
Lei, daß der nun auch Vater worn is …“ |
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